Staffel 2 · Kapitel 8

Die erste Woche

Am dritten Morgen nach dem Einschlag schrieb Holt das Wort Wald an die Tafel. Er tat es ohne Einleitung, als hätte zwischen dem letzten Unterricht und diesem Morgen nichts gelegen, das…

Die erste Woche – Kapitelbild

Am dritten Morgen nach dem Einschlag schrieb Holt das Wort Wald an die Tafel. Er tat es ohne Einleitung, als hätte zwischen dem letzten Unterricht und diesem Morgen nichts gelegen, das einen anderen Anfang verdient hätte. Durch das Fenster sah man den oberen Rand der Absperrung. Dahinter stieg noch immer heller Staub aus dem Krater, obwohl es in der Nacht geregnet hatte.

Maras Platz stand leer neben mir. Niemand hatte gefragt, ob er weggeräumt werden sollte. Selbst die Schüler, die sonst ihre Taschen auf freie Tische warfen, ließen ihn unberührt.

„Nach der zweiten Stunde geht ihr zum ersten Waldring“, sagte Holt. „Silbermoos, klares Harz und zwei Leuchtpilze. Keine Tiefenwege. Ihr bleibt in Sichtweite der Markierungen.“ Bren hob den Kopf. Sein Ärmel war dort geflickt worden, wo ihn eines der Wurzeldinger gebissen hatte. „Die Kapelle ist noch nicht einmal geräumt.“

Holt legte die Kreide ab. „Nein.“

„Und wir sollen sammeln gehen?“

„Ihr sollt wieder lernen, euch zu bewegen.“

Elias„Vielleicht wollen manche von uns das noch nicht“, sagte ich.

Mehrere Schüler sahen zu mir. Holt antwortete nicht sofort, und dieses kurze Warten störte mich mehr, als wenn er widersprochen hätte. „Das glaube ich dir. Der Wald fragt trotzdem nicht danach.“

„Dann soll er warten.“

„Das hat er lange genug.“

Ich sah auf den leeren Stuhl. „Mara ist tot, und hier wird so getan, als wäre nur ein Unterrichtstag ausgefallen.“ Nera senkte den Blick auf ihr Heft. Senn hatte die Hände unter dem Tisch verborgen. Bren sah aus dem Fenster, dorthin, wo der Wind das Tuch über der Absperrung anhob.

„Niemand tut so“, sagte Holt. „Ich schicke euch nicht zurück an denselben Ort. Ich schicke euch zurück zueinander.“

Ich hätte beinahe gelacht. Nicht weil es lustig war. „Das hat beim letzten Mal hervorragend funktioniert.“

Darian Holt„Deshalb versucht ihr es heute noch einmal.“

Nach der zweiten Stunde standen wir vor der Steinmauer. Die Gruppen bildeten sich nicht richtig, sondern nur dadurch, dass manche schneller gingen und andere zurückblieben. Nera hielt die Liste, Senn trug die Stoffbeutel, Bren ging vorne und trat gegen jeden zweiten Stein. Ich blieb einige Schritte hinter ihnen.

Das Silbermoos fanden wir schnell an einer feuchten Felswand. Nera löste es mit der Messerspitze, Senn prüfte die Unterseite auf schwarze Larven, und Bren schnitt so viel ab, dass die Hälfte wieder aus seinem Beutel fiel. „Langsamer“, sagte Nera. „Es ist Moos.“ „Und trotzdem schaffst du es, damit zu kämpfen.“

Sie stritten weiter, bis Senn stehen blieb. Keiner bemerkte es sofort. Erst an der nächsten Biegung sah ich zurück und erkannte ihn neben einem umgestürzten Stamm. Er hielt sich eine Hand vor den Mund. Sein Atem ging flach, seine Augen suchten zwischen den Bäumen nach etwas, das nur er sah.

Hinter dem Stamm lag ein schwarzes Stück Stein, kaum größer als eine Faust. An einer Kante verlief eine eingeritzte Linie. Sie erinnerte mich an das Zeichen über der Kapelle. Für einen Augenblick hörte ich wieder die Stille vor dem Einschlag, als selbst die Fahnen aufgehört hatten, sich zu bewegen.

Bren ging in die Hocke und streckte die Hand aus. „Ist das einer von den Splittern?“

Elias„Nicht anfassen.“

„Hatte ich nicht vor.“ Seine Finger waren noch eine Handbreit vom Stein entfernt.

Nera kniete sich neben Senn. „Wir holen Holt.“ Bren sah zur nächsten Markierung. „Einer geht zurück. Die anderen sammeln weiter.“

„Wir bleiben zusammen“, sagte Nera.

„Uns fehlen Harz und Pilze.“

„Dann fehlen sie eben.“

Bren sah zu mir. Ich wollte den Stein umdrehen, die Linie freilegen und wissen, ob darunter weitere Zeichen lagen. Vielleicht war es der erste wirkliche Hinweis darauf, wer Mara getötet hatte. Neben mir setzte sich Senn auf den Stamm. Seine Finger zitterten so stark, dass der Beutel zwischen seinen Schuhen raschelte.

Elias„Wir gehen zurück“, sagte ich.

Bren stieß die Luft aus. „Wegen ihm?“ Senn hob den Blick. Ich sah noch einmal zum Stein. „Wegen des Fundes.“ Es war nicht die ganze Wahrheit, und vielleicht sagte ich es gerade deshalb so schnell.

Auf halbem Weg bemerkten wir, dass einer der Beutel fehlte. Bren wollte zurück, doch Nera erinnerte ihn daran, dass wir gerade beschlossen hatten, zusammenzubleiben. Danach sprach keiner mehr.

Holt kam uns entgegen, hörte sich Neras Erklärung an und schickte zwei Lehrer zum Fundort. Dann öffnete er Brens Beutel. Darin lag kaum die Hälfte des gesammelten Mooses. „Kein Harz. Keine Pilze.“ Er sah mich an. „Deine Entscheidung?“

„Ja.“

„Bereust du sie?“

Zwischen den Bäumen verschwanden die beiden Lehrer. „Ich weiß es nicht.“

Darian Holt„Das ist brauchbarer als ein schnelles Nein.“

Später lagen die Funde aller Gruppen auf dem langen Tisch im Klassenraum. Harz, Pilze, Samen und genug Silbermoos für mehrere Übungen. Unser Anteil wirkte daneben kümmerlich. Ein Junge aus der ersten Reihe zog seinen Korb zu sich. „Jede Gruppe behält, was sie gefunden hat. Sonst lohnt es sich nicht, schneller zu sein.“

„Wir waren nicht langsam“, sagte Bren.

„Ihr seid ohne die Hälfte zurückgekommen.“

Bren trat einen Schritt vor. Nera stellte den Korb zwischen beide. „Holt hat gesagt, wir sollen verteilen. Nicht feststellen, wer sich am wichtigsten fühlt.“

Der Streit dauerte länger, als die Suche im Wald. Jede Gruppe hatte einen Grund, mehr zu behalten. Die Heiler brauchten das Moos, andere das Harz. Zwei Schüler beanspruchten dieselben Pilze, weil beide sie zuerst gesehen haben wollten. Holt lehnte am Pult und ließ sie reden.

Ich nahm unseren fast leeren Beutel und stellte ihn in die Mitte. „Jede Gruppe behält, was sie für die nächste Aufgabe braucht. Der Rest bleibt gemeinsam.“

Der Junge aus der ersten Reihe sah mich an. „Ihr habt kaum etwas. Natürlich willst du teilen.“

„Ja. Heute profitieren wir davon.“

„Und morgen?“

Elias„Vielleicht ihr.“

Es klang nicht besonders überzeugend. Trotzdem legte Senn unser Silbermoos in den gemeinsamen Korb. Nera folgte ihm. Bren hielt seinen Anteil noch einen Moment fest und ließ ihn dann ebenfalls fallen. Nach und nach taten es die anderen auch.

Am Ende stand der Korb auf Maras Tisch. Niemand hatte ihn bewusst dort hingestellt. Der Platz war nur frei gewesen. Holt sah kurz hinüber, sagte aber nichts.

Als wir den Raum verließen, warteten Bren, Nera und Senn an der Tür. Nicht auf mich, dachte ich zuerst. Dann ging Bren einen Schritt zur Seite, damit ich zwischen ihnen hindurchkonnte.

Ich sah noch einmal zurück. Maras Stuhl war leer. Der Korb stand auf ihrem Tisch, gefüllt mit Dingen, die keiner allein behalten hatte.

Es machte ihren Tod nicht kleiner. Aber zum ersten Mal fühlte sich Weitergehen nicht wie Verrat an.

Dein eigener Weg beginnt in der Schule

Die öffentliche Geschichte zeigt den Anfang. Im Spiel formen Beziehungen, Unterricht und Entscheidungen deinen eigenen Verlauf.

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