Staffel 1 · Kapitel 1
Die Karte
Zuerst war nicht einmal klar, ob ich wach war. Es gab kein Bett unter mir, keine Decke über mir und keinen Raum, an dem ich mich hätte festhalten können. In einer Dunkelheit, die nicht…
Zuerst war nicht einmal klar, ob ich wach war.
Es gab kein Bett unter mir, keine Decke über mir und keinen Raum, an dem ich mich hätte festhalten können. In einer Dunkelheit, die nicht leer war, hing ich ohne jede Orientierung. Überall schwebten kleine Lichtpunkte, manche einzeln, manche in Gruppen, verbunden durch feine Linien. Zunächst wirkten sie wie Sterne. Dann zeigte sich, dass sie sich nicht wie Sterne verhielten.
Sie lagen unter mir.
Die Linien waren Wege. Die hellen Flecken waren Orte. Zu erkennen waren Mauern, ein Hof, ein Wald und ein breiter Zugangsweg, der vor einem schweren Tor endete. Alles lag viel zu weit entfernt, um es wirklich erkennen zu können, und dennoch war genug sichtbar. Es wirkte, als hätte jemand eine Welt auf einen Tisch gelegt und mich darüber gebeugt.
Ein Versuch, den Kopf zu drehen, blieb ohne Wirkung. Nichts bewegte sich, nicht einmal meine Hände. Atmen konnte ich, doch ob dazu überhaupt ein Körper gehörte, war ungewiss.
Elias„Was ist das?“
Meine Stimme klang dünn. Sie passte nicht in diese Dunkelheit und auch nicht zu mir. Sie blieb irgendwo vor mir stehen, als hätte sie keinen Ort, an den sie gehen konnte.
Unter mir wurde ein Teil der Karte heller. Der breite Weg vor dem Tor rückte näher. An der Seite des Hofes stand eine kleine Kapelle, halb verdeckt von einer Mauer. Sie wirkte nicht wichtig. Nur ruhig. Gerade deshalb blieb mein Blick daran hängen.
Dann flackerte etwas Rotes auf.
Kein Feuer. Eher ein Fleck, der für einen Moment durch die Welt darunter sickerte. Er lag nicht auf der Karte. Er lag in ihr. Beim Versuch, genauer hinzusehen, sprach eine Stimme.
StimmeBleib nicht zu lange reglos.
Zusammenfahren war unmöglich; keine Bewegung gehorchte mir. Trotzdem ging etwas in mir hart auf Spannung.
Elias„Wer ist da?“
Keine Antwort. Nur die Welt unter mir, die langsam größer wurde.
StimmeHier bleibt nicht alles innen, sagte die Stimme. Nicht Wut. Nicht Angst. Nicht das, was du festhältst, wenn du loslassen solltest.
Elias„Ich verstehe kein Wort.“
StimmeDu musst es nicht verstehen. Noch nicht.
Die Karte kippte.
Für einen Augenblick blieb mein Magen zurück. Dann stürzte alles auf mich zu: der Weg, das Tor, die Mauern. Nasser Stein, Eisenstäbe und schwarze Schatten zwischen Häusern schossen ins Sichtfeld. Dann kam der Aufprall.
Es tat nicht weh.
Das war das Erste, was mir Angst machte.